Spastische Spinalparalyse
Klinisch
wird die spastische Spinalparalyse in eine reine Form und eine komplizierte Form
aufgeteilt. Bei der reinen Form beschränken sich die Symptome auf die Beine mit
entsprechender Spastik der Muskeln, gesteigerten Muskeleigenreflexen,
Pyramidenbahnzeichen und Muskelschwäche. Hinzu können kommen Sensibilitätsstörungen,
neurogene Blasenstörungen und ein abnormes Reflexverhalten der Arme. Die
komplizierte Form zeichnet sich aus durch zusätzliche neurologische Symptome
wie z.B. Degeneration des Sehnervens (Opticusatrophie), zunehmende
Vergesslichkeit und Merkfähigkeitsstörungen, breitbeiniges Gangbild (Ataxie),
epileptische Anfälle und Hörstörungen.
Das
Krankheitsbild spastische Spinalparalyse wurde zuerst von Adolf Strümpell 1980 beschrieben. Er schilderte
anhand der Untersuchung an 1883 Familien verschiedene Formen von Gangstörungen,
1898 folgte Lorrain mit weiteren Fallbeispielen. Daher finden sich auch in dem
bereits oben erwähnten Ersatznamen auch weitere Namen dieser Erkrankung: Strümpell
/ Lorensche Erkrankung, Erb-Charcotsche-Erkrankung, familiäre spastische
Paraplegie (SP) oder spastische Paraplegie (SPG).
Zahlen
über die Erkrankungshäufigkeit in Deutschland liegen zulässig nicht vor, es
gibt Studienmaterialien in skandinavischen Ländern, dort erkranken knapp 1 von
100.000 Einwohnern in Dänemark und 14 von 100.000 Einwohnern in West-Norwegen.
Wenn
die entsprechenden klinischen Symptome (s.u.) vorliegen und andere Erkrankungen
ausgeschlossen sind, kann von dieser Erkrankung ausgegangen werden. Da es sich
um eine vererbliche Erkrankung handelt, ist die Einbeziehung der Angehörigen
und Erhebung der Krankengeschichte bei diesen von äußerster Wichtigkeit.
70-80% der Erkrankten haben einen so genannten autosomalen dominanten Erbgang,
hier sind Schädigungen an den Chromosomen 14, 2 und 15 in den letzten Jahren
zuverlässig nachgewiesen worden. Es finden sich jedoch auch so genannte
autosomal - rezessive oder X-chromosomale Erbgänge, diese sind jedoch deutlich
seltener. Dabei hat die zunehmend bessere Gendiagnostik in den letzten Jahren
ein in 40% der Familie mit autosomal - dominanten Erbgang ein gezieltes Gen (SPE
4) erfasst und identifiziert. Bei gesicherter Diagnose sollte daher neben den
Gesprächen auch die molekulargenetische Diagnostik bei den Angehörigen
erfolgen. Dies ist heutzutage technisch recht einfach, benötigt werden
lediglich 10 ml Blut der Untersuchungsperson. Jedoch ist es wichtig, dass diese
Untersuchung in spezialisierten Zentren durchgeführt wird, da sie nicht nur
kostenintensiv, sondern in der Auswertung technisch auch sehr aufwendig ist.
Pathologisch
anatomisch ist die Ursache für die Erkrankung eine Degeneration der
Pyramidenbahnen, letztlich ist die Ursache dieses Phänomens unklar.
Spastische Spinalparalyse:
Wie
sehen die klinischen Symptome aus?
Bei
der unkomplizierten SSP (spastische Spinalparalyse) treten
folgende Symptome auf:
Im Vordergrund der klinischen Symptome der spastische n Spinalparalyse steht somit die Spastik. Diese wird definiert als „erhöhter geschwindigkeitsabhängiger Dehnungswiderstand des nicht willkürlich vorinnervierten Skelettmuskels“. Spastische Lähmungen finden sich in einer Vielzahl anderer Erkrankungen oder auch als Folgeerscheinungen nach bestimmten neurologischen Erkrankungen wie z.B. Schlaganfall und Hirnblutung. Gleichzeitig ist Spastik auch eine häufige Komplikation bzw. Folgeerscheinung bei querschnittsgelähmten Patienten. Weitere Erkrankungen bei denen die Spastik auftritt sind z.B. Multiple Sklerose, Schädelhirnverletzungen oder auch Rückenmarksläsionen.
Spastische Spinalparalyse:
Behandlung in der Rehabilitation
Bei
Behandlungen von Patienten mit spastische
r Spinalparalyse in der Wicker Klinik
Bad Wildungen sollte daher zunächst eine sorgfältige klinisch neurologische
Untersuchung am Anfang der Aufnahme in die Rehabilitation erfolgen. Obwohl die
Mehrzahl der Patienten oft ausführlich und sehr sorgfältig diagnostiziert
wurden, sollten anhand der vorliegenden Aktenlage und des Eindrucks nach
erfolgter Untersuchung andere Ursachen der Spastik ausgeschlossen werden und die
nicht geringe Zahl der möglichen Erkrankungen dem Stationsarzt in der
Rehabilitation bekannt sein. Dabei ist für die Therapieplanung und den
Therapieerfolg in der Rehabilitation auch die Frage nach Begleitsymptomen sehr
wichtig. Zu nennen sind hier z.B.
Schmerzen,
Blasen- u. Mastdarmstörungen, einschießende Spasmen am Abend und in der Nacht
mit entsprechenden Schlafstörungen
usw..
Bei
Bedarf können in der Wicker Klinik Bad Wildungen oder auch im
Unternehmensverbund erforderliche diagnostische Untersuchungen durchgeführt
werden. Dies betrifft sowohl neurophysiologische Untersuchungen wie die Messung
der so genannten evozierten Potentiale oder transcranielle Magnetstimulation als
auch die evtl. notwendigen neuroradiologischen Untersuchungen wie Computer- u.
Kernspintomographie.
Bei
Sichtung der Literatur fällt auf, dass zur Behandlung dieses Hauptsymptoms der
spastische
n Spinalparalyse Vergleichsstudien zwischen verschiedenen
Therapieformen wie z.B. Physiotherapie versus Medikamente nicht existieren.
Unter den Behandlern gibt es jedoch eine Übereinstimmung über einen Stufenplan
zur Behandlung von spastischen Symptomen in der Praxis, dieser Stufenplan lässt
sich auch auf die spastische Spinalparalyse übertragen und ist auch
dokumentiert in den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie zum
Thema „Spastik“. Dieser sieht folgendermaßen aus:
1.
Krankengymnastik.
2.
Zusätzliche
Medikamente:
- Orale
antispastische Medikamente. - Botulinum-Toxin-Therapie,
- Infusionstherapie
mit Baclofen
3.
Selten
angewandte Therapieverfahren.
Die
in dem Stufenplan erwähnte 1. Methode stellt somit auch in der Rehabilitation
bei der Behandlung von Patienten mit spastische
r Spinalparalyse die wichtigste Säule
dar. Dabei ist der Schwerpunkt der Physiotherapie das Training verbliebener
motorischer Funktionen und die Vermeidung von Folgeschäden wie Muskelsehnen und Gelenkkontrakturen. Die Physiotherapie in der Rehabilitation findet dabei in
Einzel- u. Gruppentherapie statt, die Therapien erfolgen zum Teil im Wasser.
Eine zusätzliche Therapiemöglichkeit in der Wicker Klinik Bad Wildungen bietet
die Hippotherapie. Übungen und Therapieanleitungen auf dem Pferd finden mit
Hilfe von zwei Therapeuten in einem Zentrum für therapeutisches Reiten in Bad
Wildungen statt. Durch den dreidimensionalen Bewegungsablauf profitieren hierbei
besonders Betroffene mit einer spastischen Tonuserhöhung der Beine. Oft
berichten die Patienten, auch solche mit spastische
r Spinalparalyse, dass diese
Therapieform nicht nur eine völlig neue Erfahrung ist, sondern sie auch in
ihrer Auswirkung und Linderung anders erlebt wird wie herkömmliche
Physiotherapie. In der klassischen
Physiotherapie in der Rehabilitation werden verschiedene Verfahren verwendet, zu
nennen sind hier in erster Linie Bobath und Voijta.
Vor
45 Jahren kamen die Krankengymnastin Berta Bobath und ihr Mann, Karel, ein
Neurologe und Psychiater, zu der Erkenntnis, dass das Zentralnervensystem aus
der Peripherie über die Sinnesorgane auf sensorischem Weg durch Lageveränderungen
beeinflusst werden kann. Das Prinzip der Behandlung
basiert auf drei Behandlungstechniken:
Inhibition:
Stimulation:
Ziele: Dabei ist das Ziel in der
Therapie die Hemmung von pathologischen Reflexmustern, die sich im Laufe der
Spastik einstellen. Dies betrifft in erster Linie die Beugespastik an den Armen
und vor allem die Spastik an den Beinen.
Dr.
Vaclav Vojta, Neurologe, entdeckte bei der Behandlung von jugendlichen
Spastikern, dass der wechselhafte Muskeltonus mit bestimmten Druckpunkten geändert
werden konnte. Durch systematische Studien und Vergleiche mit der
Entwicklungsneurologie von Säuglingen merkte er, dass er auf ein
ontogenetisches Prinzip gestoßen war. Er sammelte alle Daten und entwickelte
ein neurophysiologisches Bahnungssystem. Damit konnten angeborene physiologische
Bewegungsmuster, die durch eine frühkindliche Hirnschädigung in ihrer
Entwicklung blockiert oder durch Trauma verloren gegangen sind, wieder
hergestellt werden.
Seine
Methode wird auch Reflexlokomotion genannt:
Ziele
seiner Therapie sind:
Eine weitere Therapiemethode für die Behandlung in der Rehabilitation für die
spastische Spinalparalyse
ist die so genannte propiozeptive neuromuskuläre Facilitation (PNF).
Diese
Methode nach Knott (Krankengymnastin) und
Kabat (Physiologe) baut sich aus verschiedenen neurophysiologischen Techniken
auf. Die Methode führt zur Bahnung von Bewegungen über die funktionelle
Einheit von Nerv und Muskel.
Die
Stimulationen sind taktil, visuell und verbal. Gleichzeitig geschehen
propriozeptive Reize über Dehnung und Gelenktraktion (Zug). Diese Methoden führen teils
zu einer Reduktion der spastischen Tonuserhöhung, sie zielen ferner auf die
Folgeschäden der Erkrankung hin wie z.B. Vermeidung von Kontrakturen und
Verbesserungen der Durchblutung und somit Vermeidung von Druckgeschwüren.
Das
Pflegepersonal der Wicker – Klinik ist nicht nur über das Krankheitsbild
informiert sein, sondern beherrscht auch die standardisierten Techniken zur Mobilisation
und Pflege der Patienten, wie z.B. die Bobath – Technik.
Die
Abteilung Ergotherapie arbeitet ebenfalls tonussenkend mit den Betroffenen einer
spastische
n Spinalparalyse, besonders im Bereich der Arme. Hier können auch
feinmotorische Defizite und bestimmte Alltagsübungen, wie z.B. Schreiben oder
Kochen entsprechend geübt werden.
Da
die Patienten mit spastische
r Spinalparalyse oft an schmerzhaften Kontrakturen
leiden, ist eine zusätzliche Schmerzbehandlung in der Physikalischen Therapie
oft notwendig und wird als wohltuend erlebt. Zu nennen sind hier Laser,
Hochvolt, Ultraschall oder auch das Erlernen mit dem TENS-Gerät. Auch Massagen
und Bäder sind für diese Patienten oft sehr entspannend.
Probleme
am Arbeitsplatz, Einstufung nach dem Schwerbehindertengesetz oder neue
Entwicklungen im Rentenrecht sind die Domäne der Sozialberatung. Bei Bedarf
setzen sich die Mitarbeiterinnen mit den örtlichen Behörden, dem
Versorgungsamt und auch dem Arbeitgeber in Verbindung.
Eine
exakte sozialmedizinische Beurteilung, die auch eine prognostische Bewertung der
weiteren beruflichen Leistungsfähigkeit enthält, wird vom behandelnden Arzt im
Entlassungsbericht in Absprache mit dem Therapieteam verfasst.
Mit
welchen Medikamenten wird die spastische Spinalparalyse behandelt?
Die
medikamentöse Behandlung von spastische
r Spinalparalyse ist oft schwierig, da
fast alle antispastischen Medikamente die Erregbarkeit der so genannten Alphamotoneurone unspezifisch hemmen und somit eine eigentliche
Funktionsverbesserung nicht erreicht wird. Wenn die spastische Spinalparalyse
mit Lähmungen verbunden ist, kann durch die Wirkung der Medikamente sogar eine
Verstärkung der Lähmung erreicht werden. Auch ist ein sorgfältiges Abwägen
der Dosierung sehr wichtig und gehört in die Hände eines erfahrenen Arztes.
Manche Betroffene mit spastische
r Spinalparalyse „brauchen“ einen Teil ihrer Spastik zum Erhalt der Gehfähigkeit. Eine völlige Reduktion der spastischen
Tonuserhöhung mit häufigem Wegknicken und Ganginstabilität sollte nicht der
Zielpunkt der medikamentösen Therapie sein. Weiterhin sind die zentral dämpfenden
und atemdepressiven Nebenwirkungen der Medikamente unbedingt zu beachten und
sollten bei Behandlung der spastische
n Spinalparalyse entsprechend vorsichtig
eingesetzt werden. Erhöhte Schläfrigkeit bereits am späten Vormittag oder
zunehmende Atemprobleme sind häufige Zeichen einer zu großzügigen Dosierung
der Medikamente.
Medikamente
der ersten Wahl zur Behandlung der spastische
n Spinalparalyse sind Baclofen und
Tizanidin (Handelsnahmen Lioresal, Lebic und Sirdalud). Weitere Medikamente zur
Behandlung der spastischen Spinalparalyse sind Diazepam (Handelsname Valium),
Tetrazepam (Handelsname Musaril), Clonazepam (Handelsname Rivotril), Antilepsin
oder auch Dantrolen (Handelsname Dantamacrin). Ein weiteres neues Medikament zur
Behandlung der spastische
n Spinalparalyse ist Tolperison (Handelsname Mydocalm).
Diese Medikamente sollten in ihrer Auswirkung und Dosierungsanleitung dem Arzt
in der Rehabilitation bekannt sein und auch bei Nichteinsatz muss der Arzt in
der Rehabilitation von spastische
r Spinalparalyse in der Lage sein, den
Patienten hierzu kompetent zu beraten.
Zielpunkte
des Einsatzes der Medikamente ist nicht nur die Reduktion einer schweren
spastischen Tonuserhöhung, die sich trotz gezielter Krankengymnastik nicht
bessert, sondern auch die Vermeidung von schmerzhaften Muskelspasmen und die
Erleichterung der Pflege der Betroffenen. Dabei ist auch die tageszeitliche
Dosierung zu beachten, häufig leiden Patienten mit spastische
r Spinalparalyse
z.B. an nächtlich einschießenden Spasmen. Hier hat sich der Einsatz von
niedrig dosierten Tizanidin (Sirdalud 2-4 mg) recht gut bewährt. Eine weitere Form der medikamentösen Therapie ist die Injektion von Botulinum-Toxin, die in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Dabei ist zu beachten, dass in diesem Fall die Spastik in einem umschriebenen Bezirk sein sollte wie z.B. Adduktorenspastmus oder spastischer Spitzfuß. Die entsprechenden Medikamente werden in die betroffene Region gespritzt, dies sollte ein erfahrener Arzt durchführen. Handelsname von diesen Medikamenten sind z.B. Dysport oder Botox. Bei Bedarf kann diese
Behandlung im Unternehmensverbund der Wicker Klinik in der Neurologischen Klinik
Westend durchgeführt werden. Der Oberarzt der Klinik, Herr auf dem Brinke,
verabreicht Botulinum-Toxin-Injektionen ambulant. Gelegentlich ist die Kostenübernahme
dieser nicht billigen Methode während der Rehabilitation problematisch, da sie
von den Kostenträgern zusätzlich übernommen werden muss. Der Pflegesatz für
eine stationäre Rehabilitation schließt diese Behandlung nicht ein und in den
heutigen budgetierten Zeiten müssen solche Kosten zusätzlich kalkuliert
werden. Daher mussvor Applikation dieses Medikaments unbedingt eine Absprache
mit dem Kostenträger erfolgen.
Schließlich
ist als weitere Therapieform bei der ausgeprägten Spastik und nicht Ansprechen
von Oralmedikamenten die intrathekale kontinuierliche Infusion von Baclofen zu
nennen. Hierbei wird in das Rückenmark eine Pumpe eingebaut, die individuell
tageweise bestimmte Mengen von dem antispastischen Medikament abgibt und somit
über eine angepasste Flussgeschwindigkeit verfügt. Patienten mit spastische
r
Spinalparalyse für die diese Therapien infrage kommen, können in der Werner-Wicker-Klinik Bad Wildungen/Reinhardshausen, Abteilung Neurochirurgie
hier sehr kompetent und gut beraten werden.
Die
Wicker – Klinik Bad Wildungen verfügt über 35 behindertengerechte Zimmer,
die auch für Rollstuhlfahrer gut geeignet sind.
Die
Ärzte und Therapeuten der Klinik bilden sich regelmässig über neue
Behandlungsmethoden der spastischen Spinalparalyse fort und geben dieses Wissen
an ihre Kollegen weiter.
Grundsätzlich
stehen die Ärzte der Klinik sowohl den Patienten als auch deren Angehörigen für
Gespräche und Fragestellungen jederzeit zur Verfügung. Die Klinik ist nach den Qualitätsgrundsätzen der DIN-EN ISO 9001 zertifiziert. Die Behandlung der Patienten erfolgt nach den Richtlinien und Vorgaben der jeweiligen Kostenträger. Jeder Chefarzt hat eine langjährige Erfahrung aus seinem Fachgebiet, je nach Schweregrad und Krankheitsverlauf werden individuelle Therapien bei den Patienten durchgeführt.
Mit den besten Wünschen für Ihre
Gesundheit!
Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten steht Ihnen unser Chefarzt im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in unserer Privatambulanz.
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